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NATO-GEHEIMARMEEN in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, ein Buch von Daniele Ganser

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Europa nach dem Zweiten Weltkrieg: Freiheitliche Demokratien oder Satelliten der USA?
Nato-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, ein Buch von Daniele Ganser
AUTOR:  Henriette HANKE GÖTTINGER
 Seit Anfang 2008 ist die Forschungsarbeit des Historikers Daniele Ganser «Nato-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung»1 endlich auch in deutscher Sprache zugänglich. ­Brillant geschrieben legt Ganser auch für den historischen Laien differenzierte Sachverhalte gut verständlich dar. Die Fakten, die Ganser aufzeigt, werden die Geschichtsschreibung über die Zeit des kalten Krieges grundlegend verändern. Einmal in die Hand genommen, kann man das Buch nicht mehr weglegen.

Ganser zeigt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 in den Nato-Staaten parallel zu den regulären Nato-Truppen Nato-Geheim­armeen (auch Stay-behind oder Gladio genannt) existierten, die vom amerikanischen Geheimdienst CIA und vom britischen Geheimdienst MI 6 aufgebaut worden waren.2 Geführt und koordiniert wurden diese Nato-Geheimarmeen durch ein geheimes Sicherheitsbüro im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Die Nato wiederum unterstand dem Pentagon in Washington – so US-Präsident Nixon.3
Die Vertreter der Geheimarmeen trafen sich jährlich. «Bei den Konferenzen der Stay-behind waren die Repräsentanten der CIA immer anwesend», berichtete General Serravalle, der die italienische Stay-behind von 1971 bis 1974 geführt hatte.4
Mit den Nato-Geheimarmeen wurden geheime Strukturen geschaffen, um Westeuropa gegen eine sowjetische Invasion zu wappnen und um eine mögliche Machtergreifung durch Kommunisten in den europäischen Ländern zu verhindern.5 CIA und MI 6 finanzierten Aufbau und Betrieb dieser geheimen Guerillatruppen, trainierten sie und legten geheime Waffen- und Sprengstofflager an.
Ganser beschreibt die Aktivitäten6 der Nato-Geheimarmeen in Grossbritannien, den USA, Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, in den Niederlanden, Luxemburg, Dänemark, Norwegen, Deutschland, Griechenland7 und in der Türkei. In diesen Ländern waren jeweils nur einige ausgesuchte politische Repräsentanten über die Existenz dieser Geheimarmeen informiert. Die vom Volk gewählten Parlamentarier waren in der Regel ahnungslos. Damit waren die Geheim­armeen der Nato jeglicher demokratischer Kontrolle entzogen.

Field Manual 30-31B

Gemäss einem geheimen Grundlagenpapier des US-Generalstabes (Field Manual 30-31B)8 hatten die Nato-Geheimarmeen unter anderem die Aufgabe, Regierungen zu verhindern oder auszuschalten, die den USA nicht genehm waren. 1961 plante die Nato-Geheimarmee allerdings ohne Erfolg einen Putsch gegen die Regierung de Gaulle. In Griechenland stürzte die Nato-Geheimarmee 1967 die Regierung Papandreou und setzte eine brutale Militärjunta ein. In der Türkei war die Nato-Geheimarmee beim Militärputsch von 1960, beim Militärputsch von 1971 sowie beim Militärputsch von General Evren von 1980 beteiligt.

False flag operations

In Field Manual 30-31B werden auch «false flag operations»9 beschrieben. Es handelte sich um Terroranschläge, die von Geheimdiensten oder den Nato-Geheimarmeen veranlasst oder ausgeführt und dann den Kommunisten oder Sozialisten angelastet werden sollten. In einigen Nato-Mitgliedstaaten wurde dieses geheime Konzept – so Ganser – angewendet: «Dieser Kampf gegen den inneren Feind war in einigen Ländern Teil des Konzeptes. Er basierte auf der sogenannten ‹Strategie der Spannung› und war auf Terror aufgebaut. In Italien und der Türkei10 wurde diese schon fast teuflische Strategie wohl am erfolgreichsten umgesetzt: mit Bombenanschlägen und Massakern gegen die eigene Bevölkerung, die man anschliessend dem politischen Feind, also den Linken, in die Schuhe schob.»11

Der geheime Krieg in Italien

Wie Ganser minutiös belegt, haben die USA die Politik in Italien zwischen 1945 und 1993 massgeblich beeinflusst. Die CIA, der italienische militärische Geheimdienst, die italienische Geheimarmee der Nato (Gladio) sowie rechtsradikale Terroristen führten einen geheimen Krieg gegen die italienischen Kommunisten (PCI) und Sozialisten (PSI). Einerseits wurden die Christdemokraten (DCI) bei ihren Wahlkämpfen gegen die italienische Linke von den USA mit Millionen von Dollars unterstützt. Andererseits wurden blutige Terroranschläge verübt. So explodierten kurz vor Weihnachten 1969 auf belebten Plätzen in Rom und Mailand vier Bomben, und 16 Menschen verloren dabei ihr Leben. Angelastet wurde diese Bluttat den Kommunisten. 1972 explodierte in der Nähe des italienischen Dorfes Peteano eine Autobombe und tötete drei Carabinieri. Zwei Tage später erhielt die Polizei einen anonymen Hinweis, die Roten Brigaden seien die Täter. 1974 explodierte mitten in einer antifaschistischen Demonstration eine Bombe: 8 Tote und 102 Verletzte.
Im August 1974 explodierte eine weitere Bombe im «Italicus Express» von Rom nach München. 12 Menschen wurden getötet und 48 verletzt. Auf dem Bahnhof von Bologna wurden am 2. August 1980 durch ein Bombenattentat 85 Menschen getötet und 200 Menschen verletzt. Medien und hohe Politik bezeichneten die Roten Brigaden als Täter.


Emblem von Gladio : “Im schweigenden Dienst der Freiheit”

Aldo Moro, ein Opfer von Gladio?

Am 16. März 1978 wurde Aldo Moro auf seiner Fahrt zum Parlament entführt und 55 Tage später in Rom im Kofferraum eines Autos tot aufgefunden. Die Empörung über diese hinterhältige Bluttat, die den Roten Brigaden angelastet wurde, war gross. Die italienische Linke geriet massiv unter Druck und verlor in der westlichen Welt viele Sympathien.
Zum Fall Aldo Moro hat Ganser viele Indizien zusammengetragen, die auf eine «false flag operation» von Gladio hindeuten. Seit 1972 hatte Aldo Moro immer wieder versucht, die italienische Linke entsprechend ihrem Stimmenanteil bei den Wahlen an der Regierung zu beteiligen. Als italienischer Aussenminister flog Moro 1974 mit Ministerpräsident Giovanni Leone nach Washington. Sie beabsichtigten, die PCI und PSI an der Regierung zu beteiligen. Darüber wollten sie mit den Amerikanern sprechen.
Bei seiner Rückkehr nach Italien war Aldo Moro für Tage krank und erwog seinen Rückzug aus der Politik. Gemäss seiner Ehefrau erhielt Moro in Washington folgende Antwort: «Sie müssen Ihre Politik, alle politischen Kräfte in Ihrem Land in eine direkte Zusammenarbeit zu bringen, aufgeben. Entweder geben Sie diese Politik auf oder Sie werden teuer dafür bezahlen.»
12
In den nationalen Wahlen von 1976 hatten die Kommunisten mit 34,4 Prozent die DCI geschlagen. Als Präsident der DCI anerkannte Aldo Moro diesen Sieg. Er beschloss, dem italienischen Parlament einen Plan vorzulegen, um die Kommunisten an der Regierung zu beteiligen. Er packte die entsprechenden Unterlagen ein und wies seinen Chauffeur an, ihn zum Parlament zu fahren. Auf dieser Fahrt wurde sein weisser Fiat gestoppt und Aldo Moro wurde entführt…

Und John F. Kennedy?

In der Studie von Ganser finden sich auch einige brisante Ausführungen zur Aussenpolitik von John F. Kennedy in bezug auf Italien. Im Gegensatz zu den Präsidenten Truman und Eisenhower tolerierte Kennedy eine Teilnahme der italienischen Sozialisten (PSI) in der Regierung, entsprechend ihren Wahlerfolgen. Im Juli 1963 besuchte Kennedy Rom und lud dabei Pietro Nenni, den Führer der italienischen Sozialisten, zu einem Besuch in die USA ein. Im November 1963 wurde Kennedy in Dallas ermordet. Fünf Monate später sorgten die CIA und die Geheimarmee Gladio dafür, dass die italienischen Sozialisten ihre Kabinettsposten wieder verlassen mussten.

Zur Begründung des Terrors

1984 sagte der rechtsgerichtete Vinciguerra, der das Attentat von Peteano ausgeführt hatte, vor Gericht aus. Er enthüllte die Existenz von Gladio, der italienischen Geheimarmee der Nato. Vinciguerra sagte aus, dass Gladio an Attentaten beteiligt gewesen sei, die dann den Roten Brigaden in die Schuhe geschoben worden waren. Gladio sollte zugunsten der USA verhindern, dass die Linke in Italien an Macht gewinne. Dabei sei Gladio von den offiziellen Geheimdiensten, den politischen und den militärischen Kräften unterstützt worden.
Im Jahre 2000 bestätigte eine italienische parlamentarische Untersuchungskommission die Aussagen von Vinciguerra, nachdem sie Gladio und die italienischen Massaker untersucht hatte: «Diese Massaker, diese Bomben, diese militärischen Aktionen wurden von Männern innerhalb italienischer staatlicher Einrichtungen organisiert oder gefördert oder unterstützt und, wie kürzlich aufgedeckt wurde, auch von Männern aus dem Umfeld der Geheimdienste der USA.»13

Der geheime Krieg in der Türkei

Die Türkei war und ist für die geostrategischen Interessen der USA von besonderer Bedeutung.14 Im kalten Krieg hatte die Türkei gemeinsame Grenzen mit den Ländern des Warschauer Paktes, unter anderem der Sowjetunion. Von den USA mit hochtechnischen Geräten ausgestattet, diente sie den USA als Horchposten in den Ostblock hinein. Die Türkei war jedoch nicht nur wichtig als antikommunistischer Frontabschnitt gegen die Sowjets. Sie war und ist Brückenkopf für Operationen der USA und der Nato im ölreichen Mittleren Osten und der kaukasischen Region, so auch 1991 im ersten Golf-Krieg.15
Zum Aufbau ihrer Nato-Geheimarmee «Konter-Guerilla» in der Türkei bedienten sich die USA16 der pantürkischen Bewegung17, in der Oberst Alparsan Türks, ein Bewunderer Hitlers, eine zentrale Rolle spielte.18 Die Konter-Guerilla war für drei blutige Staatsstreiche gegen gewählte türkische Regierungen verantwortlich sowie für das Kizildere-Massaker (1972), das schreckliche Massaker in Istanbul (1. Mai 1977), das Massaker von Bahcelivler (1978). Das Attentat auf Papst Johannes Paul II. geht auf das Konto der Konter-Guerilla. Die Todesschwadronen der türkischen Geheimarmee der Nato spielten auch eine üble Rolle bei der blutigen Unterdrückung der türkischen Kurden.

Fäden in die neutralen Länder

Ganser musste bei seinen Forschungen feststellen, dass auch in den vier neutralen Ländern Finnland, Österreich, Schweden und der Schweiz Geheimarmeen mit indirekten Verbindungen zur Nato existierten. Auch zu dieser Thematik hat Ganser veröffentlicht.19

Europa, eine amerikanische Kolonie

Nachdem 1990 bekannt geworden war, dass in allen europäischen Ländern Geheim­armeen der Nato heimlich agierten, war der Skandal gross. Obwohl in allen Parlamenten Stimmen verlangten, dass dieses dunkle Kapitel aufgeklärt werden müsse, haben lediglich Belgien, Italien und die Schweiz Untersuchungskommissionen eingesetzt und deren Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgelegt. In allen anderen Ländern und auch von der EU wurde soviel wie möglich vertuscht und gelogen. Es wurde jeweils gerade soviel zugegeben, wie nachgewiesen werden konnte.
Auf eine ähnliche Mauer des Schweigens stiess Daniele Ganser bei seinen Recherchen zu den Nato-Geheimarmeen in Europa. Ihm standen lediglich öffentlich zugängliche Prozessakten und Dokumente zur Verfügung. Die Nato und der britische Geheimdienst MI 6 verweigerten ihm den Zugang zu ihren Archiven.
Das schockiert. Verdeckte geheimdienstliche Operationen (Morde, Massaker, Staatsstreiche und Terroranschläge) in europäischen Demokratien können nicht aufgeklärt werden, weil Nato und MI 6 sich weigern, ihre Archive zu öffnen … Ganser konnte also lediglich die Spitze des Eisberges untersuchen. Was er hierbei zu Tage gefördert hat, ist finster und wirft die Frage auf, wie souverän die europäischen Staaten tatsächlich waren und sind.20 Demokratien wurden zur Farce und gewählte Volksvertreter zu Marionetten, die keine Ahnung davon hatten, was an verdeckten Operationen in ihren Ländern seit 1945 abgelaufen war.

Politik der begrenzten Souveränität

Die Forschung zu den Nato-Geheimarmeen21 geht davon aus, dass sich die Geheimdienste der Nato-Mitgliedsstaaten bei ihrem Beitritt zur Nato verpflichten mussten zu verhindern, in ihren Ländern Kommunisten an die Macht kommen zu lassen. Dies bedeutet einen Eingriff in die inneren Angelegenheiten dieser Länder. Präsident de Gaulle soll beim Austritt von Frankreich aus der Nato dieses Vorgehen explizit als Eingriff in die nationale Souveränität verurteilt haben.22
1967 veröffentlichten norwegische Journalisten ein streng geheimes undatiertes Nato-Dokument, das vom stellvertretenden Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte in Europa, J.P. McConnel, unterzeichnet war. Aus diesem Dokument geht hervor, dass die USA bereit gewesen wären, in Westeuropa militärisch zu intervenieren, wenn ihre Interessen dort gefährdet worden wären: «Im Falle inländischer Unruhen, welche die amerikanischen Truppen oder ihre Missionen beeinträchtigen könnten, etwa militärische Aufstände oder starker inländischer Widerstand gegen die Regierung muss die US-Armee alles in ihrer Macht stehende tun, um derartige Unruhen durch den Einsatz eigener Ressourcen zu unterdrücken.»23

Konsequenzen für die historische Forschung

Angesichts der Verbrechen, die die Forschung zum Thema der Nato-Geheimarmeen bereits heute nachgewiesen hat, müssten Politiker und Historiker von ihren Parlamenten verlangen, dass die geheimen Archive in den Nato-Staaten bereits heute geöffnet und der Forschung zugänglich gemacht werden. Die Geschichte des kalten Krieges wird neu geschrieben werden müssen. Während zur Geschichte der Sowjetunion nach 1989 neues Archivmaterial24 eine sorgfältigere Aufarbeitung von Aussen- und Innenpolitik ermöglicht hat, gehen viele Menschen im Westen immer noch davon aus, dass mit den USA 1945 auch die Freiheit nach Europa zurückgekehrt sei. Dass dem tragischerweise nicht so war, wird die historische Forschung weiter aufarbeiten müssen. •

Noten

1    Im Frühjahr 2005 erschien die sorgfältig recherchierte Forschungsarbeit «Nato’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe» in englischer Sprache.
2    In vielen dieser Länder wurden Mitglieder der Nato-Geheimarmeen aus rechtsextremen Kreisen rekrutiert. So wurde der SS- und Gestapo-Offizier Klaus Barbie, der ‹Schlächter von Lyon› in Nürnberg von den USA nicht vor Gericht gestellt, weil er für den Aufbau der deutschen Nato-Geheimarmee gebraucht wurde. Auch Hitlers General Reinhard Gehlen und andere Nazis wurden von den USA für Gladio rekrutiert. Vgl. «Der geheime Krieg in Deutschland» in: Ganser, Nato, S. 295–328.
3     «Die einzige internationale Organisation, die jemals funktioniert hat, war die Nato, und zwar deshalb, weil es eine militärische Allianz war und wir die Führung innehatten.» US-Präsident Richard Nixon zitiert in: Ganser, Nato, S. 59f.
4     Seravalle zitiert in: Ganser, Nato, S. 63.
5     Der National Security Council (NSC) beauftragte die CIA 1947, verschiedene verdeckte Aktionen in Westeuropa zu starten, um die Wahl von Kommunisten zu verhindern. Zu diesen verdeckten Aktionen gehörte auch der Aufbau der geheimen Nato-Armeen in Westeuropa.
Mit der Direktive NSC 10/2 von 1948 erhielt die CIA dann vom NSC den Auftrag, weltweit verdeckte Aktionen durchzuführen. Vgl. Ganser, Nato, S. 97–100.
6     Ganser bezeichnet diese als geheimen Krieg.
7     Griechenland war ein wichtiger Stützpunkt der USA. Das CIA-Hauptquartier in Athen wurde – so Ganser – «zur Drehscheibe aller Aktivitäten der CIA auf dem Balkan und im Mittleren Osten bis hin zu Iran.» Vgl. Ganser, Nato, S. 337.
8     Grundlagenpapier des US-Generalstabs von 1970 (unterzeichnet Westmoreland): «Dieses Field Manual 30-31B ist ein sehr brisantes Dokument, das in Italien entdeckt wurde. Es bezieht sich nicht nur auf die Geheimarmeen, sondern grundsätzlich auf die Zusammenarbeit der US-Militärgeheimdienste mit Geheimdiensten in anderen Ländern und geheime antikommunistische Operationen. Darin werden sogenannte ‹false flag operations› beschrieben, manipulierende Terroranschläge, um die Bevölkerung von der kommunistischen Gefahr zu überzeugen.» Ganser, in «Basler Zeitung» vom 16.12.2004.
9     Operationen unter falscher Flagge.
10     Vgl. Ganser, Nato, S. 351.
11    Ganser in: «Basler Zeitung» vom 16.12.2004.
12    Eleonora Moro in: Ganser, S. 79.
13    zitiert in: Ganser, Nato, S. 41.
14    Zbigniew Brzezinski betrachtet die Türkei als einen von fünf bedeutenden Dreh- und Angelpunkten in Eurasien. Vgl. Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Frankfurt am Main 1999, S. 68.
15    Vgl. Ganser, Nato, S. 348–349.
16    Zum umfassenden Einfluss der USA in der Türkei zitiert Ganser den stellvertretenden Direktor des türkischen militärischen Geheimdienstes (MIT) (s. S. 5),  Sabahattin Savassman. Dieser erklärte 1977: «Die CIA hat eine Gruppe von mindestens 20 Personen, die mit dem MIT zusammenarbeiten und die innerhalb des MIT zu den höchsten Rängen zählen […]. Sie sichern sowohl den Austausch geheimdienstlicher Informationen als auch die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Operationen innerhalb und ausserhalb der Türkei.» «Unser Geheimdienst hat mit der CIA schon seit den 50er-Jahren zusammengearbeitet […]. Die gesamte technische Ausrüstung, die wir verwenden, wurde uns von der CIA zur Verfügung gestellt. Ein grosser Teil unseres Personals wurde von der CIA im Ausland ausgebildet. Auch das Hauptquartier der MIT wurde von der CIA errichtet.» «Die gesamte Ausrüstung der Vernehmungsräume(= Folterkammern) von den einfachsten bis hin zu den komplexesten Instrumenten stammt von der CIA. Ich weiss das, weil ich selbst direkt damit gearbeitet habe.» «Die Kosten für Operationen innerhalb und ausserhalb der Türkei gingen auf das Konto der CIA.»
Als Beispiel für gemeinsame Operationen von MIT und CIA erwähnt Savasman auch den MIT-Agenten Hiram Abas. Abas nahm an gemeinsamen Operationen mit der CIA teil, «wobei er ein ansehnliches Gehalt und hohe Prämien bezog, als er linksgerichtete Jugendliche in den Palästinenserlagern zum Ziel hatte und für die Ergebnisse, die er im Rahmen dieser Aktionen erzielte, ein Kopfgeld erhielt.» Savasman zitiert in: Ganser, Nato, S. 357f.
17    Die pantürkische Bewegung betrachtete die türkischen Völker als überlegene Rasse. Sie strebten nach einer Vereinigung der türkischen Völker vom westlichen China bis nach Spanien. Vgl. Ganser, Nato, S. 348.
18    Vgl. dazu Ganser, Nato, S. 349.
19    Daniele Ganser, The British Secret Service in Neutral Switzerland: An Unfinished Debate on Nato‘s Cold War Stay behind Armies, in: Intelligence and National Security, December 2005, Volume 20, Number 4, S. 553–580.
20    Im März 2001 äusserte der ehemalige Chef der italienischen Gegenspionage, General Giandeli Maletti bezüglich der Beziehung zwischen Italien und den USA: «Italien wurde behandelt, als sei es ‹eine Art von Protektorat› der USA. Ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass wir immer noch besonders überwacht werden.» Maletti zitiert in: Ganser, Nato, S. 28.
21    Vgl. dazu Ganser, Nato, S. 61f.
22    Vgl. Ganser, Nato, S. 61.
23    Supplement Nr.13 to the documents of the civil affairs Oplan Nr. 100-1. Undatiert, vermutlich vor 1968 verfasst. Zitiert in Ganser, Nato, S. 290.
24    Vgl. Wladimir Bukowski, Abrechnung mit Moskau – Das sowjetische Unrechtsregime und die Schuld des Westens, Bergisch Gladbach 1996. Stephane Courtois u. a., Das Schwarzbuch des Kommunismus – Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998. Christopher Andrew, Wassili Mitrochin, Das Schwarzbuch des KGB – Moskaus Kampf gegen den Westen, Berlin 1999.
25    Nato-Geheimarmee finanziert von der CIA.
26    Türkische Bezeichnung für die türkische Nato-Geheimarmee.
27    Vgl. Breschnew zitiert in: Peter Ziegler, Zeiten Menschen Kulturen, Zürich 1985, S. 63.
28    Supplement Nr.13 to the documents of the civil affairs Oplan Nr. 100-1. Undatiert, vermutlich vor 1968 verfasst. Zitiert in Ganser, Nato, S. 289.
29    Vgl. Ganser, Nato, S. 340.

Auszüge

Der geheime Krieg in der Türkei: Militärputsch von 1980

«Der Militärputsch kam am 12. September 1980, als Evren die Macht ergriff, während die Allied Mobile force der Nato ihr Manöver ‹Anviel Express› durchführte. Vor Gericht behauptete ein Rechtsextremist später ganz plausibel, dass die Massaker und der Terror der 70er Jahre eine Strategie gewesen seien, um das Land zu destabilisieren und Evren und die militärische Rechte an die Macht zu bringen: ‹Die Massaker waren eine Provokation des MIT (Türkisch militärischer Geheimdienst). Mit den Provokationen des MIT und der CIA wurde der Boden für den Putsch vom 12. September bereitet.› Später wurde festgestellt, dass General Evren zur Zeit des Putsches der Abteilung für spezielle Kriegsführung vorstand und die Geheim­armee der Konter-Guerilla kommandierte. Als General Evren seinen Kampfanzug gegen einen zivilen Anzug tauschte und sich selbst zum Präsidenten der Türkei machte, wurden alle terroristischen Angriffe ganz plötzlich eingestellt.
Als der Putsch in der Türkei stattfand, war Präsident Jimmy Carter gerade in der Oper. Als er davon hörte, rief er Paul Henze an, den ehemaligen Chef der CIA-Niederlassung in der Türkei, der Ankara kurz vor dem Putsch verlassen hatte, um in Washington Präsident Carters Sicherheitsberater der Abteilung Türkei in der CIA zu werden. Am Telefon erzählte Carter dem CIA-Mann Henze, was dieser schon lange wusste: ‹Ihre Leute haben gerade einen Staatsstreich durchgeführt!› Der Präsident hatte Recht. Paul Henze hatte am Tag nach dem Putsch seinen Kollegen bei der CIA in Washington triumphierend erklärt: ‹Unsere Jungs haben es geschaft!›»

Ganser, Nato-Geheimarmeen in Europa, S. 369.

 

Der «Schlächter von Lyon» als Schützling der USA

1948 bis ’49 arbeitete Erhard Dabringhaus für den amerikanischen CIC (Amerikanisches Gegenspionagekorps). Darüber berichtete er in einer Dokumentation über Gladio wie folgt: «1948 war ich Spezialagent des CIC, das war unser Gegenspionagekorps im besetzten Deutschland. […] Ich war in Augsburg stationiert, und da ich fliessend Deutsch sprechen konnte, wurde ich beauftragt, ein Netzwerk deutscher Informanten zu betreuen, unter denen auch Klaus Barbie war […] später entdeckte ich, dass er von den Franzosen wegen Mordes gesucht wurde, und das berichtete ich meinen Vorgesetzten, doch diese sagten mir, ich solle mich nett und ruhig verhalten. ‹Er ist immer noch wertvoll, und wenn er keinen Wert mehr für uns hat, werden wir ihn den Franzosen ausliefern.› Ich dachte, ich würde befördert, wenn ich ihnen von Barbie berichtete, und sie sagten mir, ich solle den Mund halten!»

Dabringhaus zitiert in: Ganser, Nato-Geheim­armeen in Europa, S. 299.

Der kalte Krieg in Europa

Die Breschnew-Doktrin für die Staaten des Warschauer Pakts

Anlässlich des Einmarsches von Truppenverbänden des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei (CSSR) 1968 rechtfertigte Leonid Breschnew als Vorsitzender der KPDSU diesen Einmarsch mit der sogenannten Breschnew-Doktrin. «Wir können nicht damit einverstanden sein, dass feindliche Kräfte ihr Land vom Weg des Sozialismus stossen und die Gefahr einer Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft heraufbeschwören.»27 Mit der Einmischung in die innere Angelegenheit wurde den sozialistischen Ländern lediglich eine eingeschränkte Souveränität zugestanden.

Washingtons Breschnew-Doktrin für Westeuropa

Bezüglich der Mitgliedsstaaten der Nato äusserten sich die USA wie folgt:
«Im Falle inländischer Unruhen, welche die amerikanischen Truppen oder ihre Missionen beeinträchtigen könnten, etwa militärische Aufstände oder starker inländischer Widerstand gegen die Regierung, muss die US-Armee alles in ihrer Macht stehende tun, um derartige Unruhen durch den Einsatz eigener Ressourcen zu unterdrücken.»28

Strategie der Spannung

«In einer klassischen Operation zur Erzeugung von Spannungen warfen türkische Agenten der Stay-behind, Abteilung für spezielle Kriegsführung,25 am 6. September 1955 eine Bombe in ein Haus in Thessaloniki in Griechenland, das als Mustafa-Kemal-Museum genutzt wurde und deshalb von allen Türken hochgeschätzt wurde. Die türkischen Stay-behind-Agenten hinterliessen kaum eine Spur und beschuldigten die griechische Polizei dieser Tat. Diese Aktion unter falscher Flagge funktionierte, und die türkische Regierung und die türkische Presse schoben die Schuld für diese Tat auf die Griechen. Kurz danach, am 6. und 7. September 1955, demolierten von der Konter-Guerilla26 angefeuerte fanatische türkische Gruppen Hunderte von griechischen Häusern und Geschäften in Istanbul und Izmir. Dabei wurden 16 Griechen getötet, 32 verwundet und 200 griechische Frauen vergewaltigt.»

Vgl. Ganser, Nato-Geheimarmeen
in Europa, S. 351.

Begrenzte Souveränität für Griechenland

Im Sommer 1964 bestellte Präsident Johnson den griechischen Botschafter Alexander Matsas ins Weisse Haus und sagte ihm, dass das Zypern-Problem durch die Aufteilung in einen griechischen und einen türkischen Teil gelöst werden müsse. Als Matsas den Plan ablehnte, brüllte Johnson: «Dann hören Sie mir gut zu, Herr Botschafter, vergessen Sie Ihr Parlament und Ihre Verfassung. Amerika ist ein Elefant. Zypern ist eine Fliege. Griechenland ist eine Fliege. Wenn die beiden Fliegen weiterhin den Elefanten jucken, dann könnten beide durch den Rüssel des Elefanten zerquetscht werden, endgültig zerquetscht.» Die griechische Regierung, beharrte Johnson, muss die Anordnungen des Weissen Hauses befolgen. «Wir zahlen den Griechen eine ganze Menge guter Dollars, Herr Botschafter. Wenn Ihr Premierminister mir etwas über Demokratie erzählen will, über das Parlament und die Verfassung, dann könnte es sein, dass er, sein Parlament und seine Verfassung nicht lange überleben.
Als Matsas konsterniert stammelte: «Ich muss gegen Ihr Verhalten protestieren», brüllte Johnson weiter: «Und vergessen Sie nicht, dem alten Papa – wie heisst er doch gleich – zu erzählen, was ich Ihnen gesagt habe. Denken Sie daran, ihm das zu sagen, hören Sie!», worauf Matsas den Wortlaut der Unterredung an Papandreou telegrafierte. Als der amerikanische Geheimdienst NSA die Nachricht auffing, klingelte Matsas Telefon. Der Präsident war am Apparat: «Versuchen Sie, bei mir auf die schwarze Liste zu kommen, Herr Botschafter? Wollen Sie, dass ich mich wirklich über Sie ärgere? Das war eine private Unterredung, die Sie mit mir hatten. Sie hatten keinen Auftrag, alles, was ich Ihnen gesagt habe, wortwörtlich weiterzugeben. Passen Sie auf, was Sie tun.» Klick. Die Leitung war tot.29

Verzeichnis ausgewählter Bücher:
Ganser, S. 438–439.
Chronologie Ganser, S. 386–395.


 

Quelle: Zeit-Fragen Nr. 24

Originalartikel veröffentlicht am 9. Juni 2008

Über den Autor

Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=5358&lg=de

Written by rudy2

December 10, 2009 at 23:06

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