NATO-GEHEIMARMEEN in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, ein Buch von Daniele Ganser
| Europa nach dem Zweiten Weltkrieg: Freiheitliche Demokratien oder Satelliten der USA? |
| Nato-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, ein Buch von Daniele Ganser |
| AUTOR: Henriette HANKE GÖTTINGER |
Seit Anfang 2008 ist die Forschungsarbeit des Historikers Daniele Ganser «Nato-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung»1 endlich auch in deutscher Sprache zugänglich. Brillant geschrieben legt Ganser auch für den historischen Laien differenzierte Sachverhalte gut verständlich dar. Die Fakten, die Ganser aufzeigt, werden die Geschichtsschreibung über die Zeit des kalten Krieges grundlegend verändern. Einmal in die Hand genommen, kann man das Buch nicht mehr weglegen.
Ganser zeigt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 in den Nato-Staaten parallel zu den regulären Nato-Truppen Nato-Geheimarmeen (auch Stay-behind oder Gladio genannt) existierten, die vom amerikanischen Geheimdienst CIA und vom britischen Geheimdienst MI 6 aufgebaut worden waren.2 Geführt und koordiniert wurden diese Nato-Geheimarmeen durch ein geheimes Sicherheitsbüro im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Die Nato wiederum unterstand dem Pentagon in Washington – so US-Präsident Nixon.3 Field Manual 30-31BGemäss einem geheimen Grundlagenpapier des US-Generalstabes (Field Manual 30-31B)8 hatten die Nato-Geheimarmeen unter anderem die Aufgabe, Regierungen zu verhindern oder auszuschalten, die den USA nicht genehm waren. 1961 plante die Nato-Geheimarmee allerdings ohne Erfolg einen Putsch gegen die Regierung de Gaulle. In Griechenland stürzte die Nato-Geheimarmee 1967 die Regierung Papandreou und setzte eine brutale Militärjunta ein. In der Türkei war die Nato-Geheimarmee beim Militärputsch von 1960, beim Militärputsch von 1971 sowie beim Militärputsch von General Evren von 1980 beteiligt. False flag operationsIn Field Manual 30-31B werden auch «false flag operations»9 beschrieben. Es handelte sich um Terroranschläge, die von Geheimdiensten oder den Nato-Geheimarmeen veranlasst oder ausgeführt und dann den Kommunisten oder Sozialisten angelastet werden sollten. In einigen Nato-Mitgliedstaaten wurde dieses geheime Konzept – so Ganser – angewendet: «Dieser Kampf gegen den inneren Feind war in einigen Ländern Teil des Konzeptes. Er basierte auf der sogenannten ‹Strategie der Spannung› und war auf Terror aufgebaut. In Italien und der Türkei10 wurde diese schon fast teuflische Strategie wohl am erfolgreichsten umgesetzt: mit Bombenanschlägen und Massakern gegen die eigene Bevölkerung, die man anschliessend dem politischen Feind, also den Linken, in die Schuhe schob.»11 Der geheime Krieg in ItalienWie Ganser minutiös belegt, haben die USA die Politik in Italien zwischen 1945 und 1993 massgeblich beeinflusst. Die CIA, der italienische militärische Geheimdienst, die italienische Geheimarmee der Nato (Gladio) sowie rechtsradikale Terroristen führten einen geheimen Krieg gegen die italienischen Kommunisten (PCI) und Sozialisten (PSI). Einerseits wurden die Christdemokraten (DCI) bei ihren Wahlkämpfen gegen die italienische Linke von den USA mit Millionen von Dollars unterstützt. Andererseits wurden blutige Terroranschläge verübt. So explodierten kurz vor Weihnachten 1969 auf belebten Plätzen in Rom und Mailand vier Bomben, und 16 Menschen verloren dabei ihr Leben. Angelastet wurde diese Bluttat den Kommunisten. 1972 explodierte in der Nähe des italienischen Dorfes Peteano eine Autobombe und tötete drei Carabinieri. Zwei Tage später erhielt die Polizei einen anonymen Hinweis, die Roten Brigaden seien die Täter. 1974 explodierte mitten in einer antifaschistischen Demonstration eine Bombe: 8 Tote und 102 Verletzte.
Aldo Moro, ein Opfer von Gladio?Am 16. März 1978 wurde Aldo Moro auf seiner Fahrt zum Parlament entführt und 55 Tage später in Rom im Kofferraum eines Autos tot aufgefunden. Die Empörung über diese hinterhältige Bluttat, die den Roten Brigaden angelastet wurde, war gross. Die italienische Linke geriet massiv unter Druck und verlor in der westlichen Welt viele Sympathien. Und John F. Kennedy?In der Studie von Ganser finden sich auch einige brisante Ausführungen zur Aussenpolitik von John F. Kennedy in bezug auf Italien. Im Gegensatz zu den Präsidenten Truman und Eisenhower tolerierte Kennedy eine Teilnahme der italienischen Sozialisten (PSI) in der Regierung, entsprechend ihren Wahlerfolgen. Im Juli 1963 besuchte Kennedy Rom und lud dabei Pietro Nenni, den Führer der italienischen Sozialisten, zu einem Besuch in die USA ein. Im November 1963 wurde Kennedy in Dallas ermordet. Fünf Monate später sorgten die CIA und die Geheimarmee Gladio dafür, dass die italienischen Sozialisten ihre Kabinettsposten wieder verlassen mussten. Zur Begründung des Terrors1984 sagte der rechtsgerichtete Vinciguerra, der das Attentat von Peteano ausgeführt hatte, vor Gericht aus. Er enthüllte die Existenz von Gladio, der italienischen Geheimarmee der Nato. Vinciguerra sagte aus, dass Gladio an Attentaten beteiligt gewesen sei, die dann den Roten Brigaden in die Schuhe geschoben worden waren. Gladio sollte zugunsten der USA verhindern, dass die Linke in Italien an Macht gewinne. Dabei sei Gladio von den offiziellen Geheimdiensten, den politischen und den militärischen Kräften unterstützt worden. Der geheime Krieg in der TürkeiDie Türkei war und ist für die geostrategischen Interessen der USA von besonderer Bedeutung.14 Im kalten Krieg hatte die Türkei gemeinsame Grenzen mit den Ländern des Warschauer Paktes, unter anderem der Sowjetunion. Von den USA mit hochtechnischen Geräten ausgestattet, diente sie den USA als Horchposten in den Ostblock hinein. Die Türkei war jedoch nicht nur wichtig als antikommunistischer Frontabschnitt gegen die Sowjets. Sie war und ist Brückenkopf für Operationen der USA und der Nato im ölreichen Mittleren Osten und der kaukasischen Region, so auch 1991 im ersten Golf-Krieg.15 Fäden in die neutralen LänderGanser musste bei seinen Forschungen feststellen, dass auch in den vier neutralen Ländern Finnland, Österreich, Schweden und der Schweiz Geheimarmeen mit indirekten Verbindungen zur Nato existierten. Auch zu dieser Thematik hat Ganser veröffentlicht.19 Europa, eine amerikanische KolonieNachdem 1990 bekannt geworden war, dass in allen europäischen Ländern Geheimarmeen der Nato heimlich agierten, war der Skandal gross. Obwohl in allen Parlamenten Stimmen verlangten, dass dieses dunkle Kapitel aufgeklärt werden müsse, haben lediglich Belgien, Italien und die Schweiz Untersuchungskommissionen eingesetzt und deren Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgelegt. In allen anderen Ländern und auch von der EU wurde soviel wie möglich vertuscht und gelogen. Es wurde jeweils gerade soviel zugegeben, wie nachgewiesen werden konnte. Politik der begrenzten SouveränitätDie Forschung zu den Nato-Geheimarmeen21 geht davon aus, dass sich die Geheimdienste der Nato-Mitgliedsstaaten bei ihrem Beitritt zur Nato verpflichten mussten zu verhindern, in ihren Ländern Kommunisten an die Macht kommen zu lassen. Dies bedeutet einen Eingriff in die inneren Angelegenheiten dieser Länder. Präsident de Gaulle soll beim Austritt von Frankreich aus der Nato dieses Vorgehen explizit als Eingriff in die nationale Souveränität verurteilt haben.22 Konsequenzen für die historische ForschungAngesichts der Verbrechen, die die Forschung zum Thema der Nato-Geheimarmeen bereits heute nachgewiesen hat, müssten Politiker und Historiker von ihren Parlamenten verlangen, dass die geheimen Archive in den Nato-Staaten bereits heute geöffnet und der Forschung zugänglich gemacht werden. Die Geschichte des kalten Krieges wird neu geschrieben werden müssen. Während zur Geschichte der Sowjetunion nach 1989 neues Archivmaterial24 eine sorgfältigere Aufarbeitung von Aussen- und Innenpolitik ermöglicht hat, gehen viele Menschen im Westen immer noch davon aus, dass mit den USA 1945 auch die Freiheit nach Europa zurückgekehrt sei. Dass dem tragischerweise nicht so war, wird die historische Forschung weiter aufarbeiten müssen. • Noten 1 Im Frühjahr 2005 erschien die sorgfältig recherchierte Forschungsarbeit «Nato’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe» in englischer Sprache. Auszüge Der geheime Krieg in der Türkei: Militärputsch von 1980 «Der Militärputsch kam am 12. September 1980, als Evren die Macht ergriff, während die Allied Mobile force der Nato ihr Manöver ‹Anviel Express› durchführte. Vor Gericht behauptete ein Rechtsextremist später ganz plausibel, dass die Massaker und der Terror der 70er Jahre eine Strategie gewesen seien, um das Land zu destabilisieren und Evren und die militärische Rechte an die Macht zu bringen: ‹Die Massaker waren eine Provokation des MIT (Türkisch militärischer Geheimdienst). Mit den Provokationen des MIT und der CIA wurde der Boden für den Putsch vom 12. September bereitet.› Später wurde festgestellt, dass General Evren zur Zeit des Putsches der Abteilung für spezielle Kriegsführung vorstand und die Geheimarmee der Konter-Guerilla kommandierte. Als General Evren seinen Kampfanzug gegen einen zivilen Anzug tauschte und sich selbst zum Präsidenten der Türkei machte, wurden alle terroristischen Angriffe ganz plötzlich eingestellt. Ganser, Nato-Geheimarmeen in Europa, S. 369.
Der «Schlächter von Lyon» als Schützling der USA 1948 bis ’49 arbeitete Erhard Dabringhaus für den amerikanischen CIC (Amerikanisches Gegenspionagekorps). Darüber berichtete er in einer Dokumentation über Gladio wie folgt: «1948 war ich Spezialagent des CIC, das war unser Gegenspionagekorps im besetzten Deutschland. […] Ich war in Augsburg stationiert, und da ich fliessend Deutsch sprechen konnte, wurde ich beauftragt, ein Netzwerk deutscher Informanten zu betreuen, unter denen auch Klaus Barbie war […] später entdeckte ich, dass er von den Franzosen wegen Mordes gesucht wurde, und das berichtete ich meinen Vorgesetzten, doch diese sagten mir, ich solle mich nett und ruhig verhalten. ‹Er ist immer noch wertvoll, und wenn er keinen Wert mehr für uns hat, werden wir ihn den Franzosen ausliefern.› Ich dachte, ich würde befördert, wenn ich ihnen von Barbie berichtete, und sie sagten mir, ich solle den Mund halten!» Dabringhaus zitiert in: Ganser, Nato-Geheimarmeen in Europa, S. 299. Der kalte Krieg in Europa Die Breschnew-Doktrin für die Staaten des Warschauer Pakts Anlässlich des Einmarsches von Truppenverbänden des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei (CSSR) 1968 rechtfertigte Leonid Breschnew als Vorsitzender der KPDSU diesen Einmarsch mit der sogenannten Breschnew-Doktrin. «Wir können nicht damit einverstanden sein, dass feindliche Kräfte ihr Land vom Weg des Sozialismus stossen und die Gefahr einer Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft heraufbeschwören.»27 Mit der Einmischung in die innere Angelegenheit wurde den sozialistischen Ländern lediglich eine eingeschränkte Souveränität zugestanden. Washingtons Breschnew-Doktrin für Westeuropa Bezüglich der Mitgliedsstaaten der Nato äusserten sich die USA wie folgt: Strategie der Spannung «In einer klassischen Operation zur Erzeugung von Spannungen warfen türkische Agenten der Stay-behind, Abteilung für spezielle Kriegsführung,25 am 6. September 1955 eine Bombe in ein Haus in Thessaloniki in Griechenland, das als Mustafa-Kemal-Museum genutzt wurde und deshalb von allen Türken hochgeschätzt wurde. Die türkischen Stay-behind-Agenten hinterliessen kaum eine Spur und beschuldigten die griechische Polizei dieser Tat. Diese Aktion unter falscher Flagge funktionierte, und die türkische Regierung und die türkische Presse schoben die Schuld für diese Tat auf die Griechen. Kurz danach, am 6. und 7. September 1955, demolierten von der Konter-Guerilla26 angefeuerte fanatische türkische Gruppen Hunderte von griechischen Häusern und Geschäften in Istanbul und Izmir. Dabei wurden 16 Griechen getötet, 32 verwundet und 200 griechische Frauen vergewaltigt.» Vgl. Ganser, Nato-Geheimarmeen Begrenzte Souveränität für Griechenland Im Sommer 1964 bestellte Präsident Johnson den griechischen Botschafter Alexander Matsas ins Weisse Haus und sagte ihm, dass das Zypern-Problem durch die Aufteilung in einen griechischen und einen türkischen Teil gelöst werden müsse. Als Matsas den Plan ablehnte, brüllte Johnson: «Dann hören Sie mir gut zu, Herr Botschafter, vergessen Sie Ihr Parlament und Ihre Verfassung. Amerika ist ein Elefant. Zypern ist eine Fliege. Griechenland ist eine Fliege. Wenn die beiden Fliegen weiterhin den Elefanten jucken, dann könnten beide durch den Rüssel des Elefanten zerquetscht werden, endgültig zerquetscht.» Die griechische Regierung, beharrte Johnson, muss die Anordnungen des Weissen Hauses befolgen. «Wir zahlen den Griechen eine ganze Menge guter Dollars, Herr Botschafter. Wenn Ihr Premierminister mir etwas über Demokratie erzählen will, über das Parlament und die Verfassung, dann könnte es sein, dass er, sein Parlament und seine Verfassung nicht lange überleben. Verzeichnis ausgewählter Bücher:
Originalartikel veröffentlicht am 9. Juni 2008 Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
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